Lehmzunge: Skulpturale Doppelbelichtungen




Ausgangspunkt der Arbeit von Hesse Wakil ist eine Recherche über den Ort und seine Geschichte, der wie kaum ein anderer mit München in seiner Ganzheit verwoben ist: Als Produktionsort des wichtigsten Baustoffes schafft Berg am Laim im Münchner Osten über 100 Jahre die Ressource der Stadtentwicklung: Backstein. Aus einer postindustriellen technologiebasierten Gegenwart wird durch die architektonische Sprache der Macherei auf die Entwicklungen aufmerksam macht, die die Fundamente für die Gegenwart legten.

Der namensgebende Berg, eine Erhöhung am östlichen Rand der Lehmzunge, ist heute durch den Lehmabbau der Ziegeleinen verschwunden – die Umformung der Stadtlandschaft durch die Industrie scheint hier durch einen Phantomberg schon im Namen auf. Die Bedeutung des Bezirks wird augenscheinlich, wenn man begreift, dass ein Großteil der Münchner Bauwerke ohne jene Lehmzungen und die vielen hundert Arbeiter*innen nicht möglich gewesen wären.

Hans Sachs, Eygentliche Beschreibung Aller Stände auff Erden: Der Ziegler. Ständebuch von 1568, mit Holzschnitten von Jost Amman.

Historische Lehmzunge mit einer Ausdehnung von ca. 15km.
Heute überrascht die Sichtung historischer Fotografien, die die etwa 100 Ziegeleien zwischen 1850 und 1950 im Münchner Osten in Betrieb dokumentieren. Diese Fotografien führen zu wenig sichtbare Wirklichkeiten vor Augen und erinnern an anonym gebliebene Arbeiter*innen: Frauen unterschiedlichen Alters in langen Röcken bei harter körperlicher Arbeit, Jugendliche oder junge Männer aus Norditalien, die früh von Münchner Lehmbaronen als billige Arbeitskräfte angeheuert wurden. Arbeits- wie Stadt- und Migrationsgeschichtlich eröffnen hier ganz neue Perspektiven auf die Bedingungen des »Machens« unserer Stadt. Genau hier setzt das Projekt »Lehmzunge« an, um Menschen aus der Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft nicht-linear zu verlinken, im Außenraum zu materialisieren und ihnen Sichtbarkeit zu verschaffen.

Viele Lehmarbeiter überquerten in wochenlangen Fußmärschen die Alpen, um als Saisonarbeiter in den Lehmgruben zu arbeiten. Dabei führten sie oftmals eigenes Werkzeug mit. Im Frühjahr wurden sie durch italienische Vorarbeiter in ihren Dörfern angeworben und verbrachten die Saison in München, bevor sie vor dem Wintereinbruch die Alpen erneut überquerten.
Titelbild: Vor der “Haidhauser Ziegelei” in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs;
weitere Bildquellen: u.A. Erich Kasberger und „LehmZiegelStadt – Die Geschichte der Ziegeleien im Osten München“